Vision kritisiert

Fawn M. Brodie war eine der ersten, die ernste Zweifel auf die Echtheit der Geschichte von Joseph Smiths erster Vision warf: „Die Beschreibung der Vision wurde das erste Mal von Orson Pratt in seinem Remarkable Visions 1840, 20 Jahre nachdem sie sich angeblich ereignete, veröffentlicht. Zwischen 1820 und 1840 schrieben Josephs Freunde lange Lobreden; seine Feinde diffamierten ihn mit einem unaufhörlichen Strom von beeideten Erklärungen und Broschüren und Joseph selbst diktierte mehrere Bände von Prosa mit Bibelgeschmack. Aber niemand gab in dieser langen Periode bekannt, dass er wenigstens von der Geschichte mit den zwei Göttern gehört hätte. Zum mindesten hat kein solcher Hinweis als Druck oder als Manuskript überlebt… Die erste veröffentlichte Mormonengeschichte, die mit Josephs Zusammenarbeit mit Oliver Cowdery 1834 begann, ignoriert sie ganz und gar… Josephs eigene Beschreibung der ersten Vision wurde nicht vor 1842 veröffentlicht, zwanzig Jahre nach dem denkwürdigen Ereignis…

Wenn etwas an jenem Frühlingsmorgen des Jahres 1820 geschah, so ging es völlig unbemerkt an Josephs Heimatstadt vorüber und offenbar hat es sich nicht einmal in den Köpfen der eigenen Familienmitglieder festgesetzt. Die Ehrfurcht gebietende Vision, die er in späteren Jahren beschrieb, könnte die Ausarbeitung eines etwa halberinnerten Traumes gewesen sein, die durch die frühe Erweckungsbewegung und durch die reichhaltige Folklore an Visionen, die in der Nachbarschaft die Runde machte, angeregt wurde. Oder sie war reine Erfindung, erzeugt einige Zeit nach 1834, als die Notwendigkeit für eine prächtige Tradition entstand, um die Geschichten über seine Wahrsagerei und Geldgräberei zu überdecken.(No Man Knows My History, New York, 1957, S. 24-25)

Dr. Hugh Nibley von der Brigham-Young-Universität war sehr wegen Frau Brodies Aussage beunruhigt, aber er gab zu, dass Joseph Smith diese Geschichte nicht vor 1842 veröffentlichte: „Joseph Smiths ‚offizieller’ Bericht von der ersten Vision und den Besuchen der Engel Moroni wurde 1838 geschrieben und zum ersten Mal 1842 in Times and Seasons veröffentlicht.“ (Improvement Era, Juli 1961, S.490)

Dr. Nibley behauptet, dass Joseph Smith versuchte, die Erste Vision geheim zu halten. In einem Brief an uns, vom 8. März 1961, erklärte er: „Der Prophet sprach ungern über die erste Vision und diejenigen, denen er die Geschichte erzählte, behielten sie für sich. Erst als unvermeidliche Lecks zu allerlei unverantwortlichen Berichten führten, sah er sich ‚veranlasst’, eine offizielle Version zu veröffentlichen.

In der Improvement Era für Juli 1961, Seite 522, erklärte Dr. Nibley: „Aber man könnte fragen, warum Joseph Smith so lange damit gewartet haben sollte, seine Geschichte offiziell zu erzählen. Aus seiner eigenen Erklärung wird ersichtlich, dass er sie überhaupt nicht öffentlich erzählen wollte, hätte er sich nicht dazu ‚veranlasst’ gesehen, es angesichts aller Skandalgeschichten zu tun, die die Runde machten.

Dr. Nibleys Argument, dass Joseph Smith die Vision geheim hielt, steht in direktem Widerspruch zu Joseph Smiths eigener Erzählung. Smith erklärte, dass er verfolgt wurde, weil er diese Geschichte erzählte und sie nicht leugnen wollte: „Ich fand aber bald heraus, dass mein Erzählen der Geschichte eine große Menge Vorurteile gegen mich unter den Religionsprofessoren aufbrachte und die Ursache großer Verfolgung war, die ständig zunahm; und obwohl ich ein unbekannter Junge war, nur zwischen vierzehn und fünfzehn Jahre alt, und die Umstände in meinem Leben derart waren, dass sie für einen Jungen in der Welt keine Konsequenzen hatten, wurden dennoch Männer in hoher Stellung genügend aufmerksam, um den öffentlichen Geist gegen mich aufzuwiegeln und eine bittere Verfolgung in Gang zu setzen; und dies war unter allen Sekten allgemein üblich – alle vereinten sich, um mich zu verfolgen… obwohl ich dafür gehasst und verfolgt wurde, dass ich sagte, dass ich eine Vision gesehen hätte, war sie dennoch wahr; und während sie mich verfolgten, mich beschimpften und jede Art von Übel gegen mich dafür aussprachen, dass ich es sagte, brachte es mich dazu, dass ich in meinem Herzen sagte: Warum verfolgen sie mich dafür, dass ich die Wahrheit sage?... Denn ich hatte eine Vision gesehen; ich wusste es und ich wusste, dass Gott es wusste, und ich konnte es nicht leugnen, auch wagte ich es nicht…“ (Köstliche Perle, Joseph Smith 2:22 und 25)

Bevor Mormonengelehrte zur Behauptung gezwungen wurden, dass Joseph Smith die Vision als Geheimnis bewahrte, erklärte der Mormonenapostel John A. Widtsoe: „Ob die Geschichte von der ersten Vision in den frühen Tagen der Kirche in geschriebener Form existierte, ist nicht bekannt. Viele Manuskripte aus jener Zeit sind verloren gegangen. In einigen Fällen brachten Sekretäre Kirchenberichte absichtlich aus dem Besitz der Kirche fort. Aber selbst, wenn sie alle zur Verfügung stünden, könnten Protokolle von Versammlungen, wie sie gewöhnlich geführt wurden, selten die erste Vision erwähnt haben, da vertraute und sich wiederholende Dinge oft nicht aufgezeichnet wurden, weil sie vorausgesetzt wurden.(Evidence and Reconciliations, 1960, Seite 334)

Vielleicht ist der vernichtendste Beweis für diejenigen, die an die Wiederherstellung des Priestertums glauben, dass Joseph Smith den Vater und den Sohn 1820 nicht sah, die Tatsache, dass Joseph Smith im Jahr 1832 behauptete, eine Offenbarung gehabt zu haben, die erklärte, dass ein Mensch Gott ohne dem Priestertum nicht sehen könnte. Diese Offenbarung wird als Abschnitt 84 der Lehre und Bündnisse veröffentlicht. In den Versen 21-22 lesen wir:

Und ohne diese Verordnungen und die Vollmacht des Priestertums wird die Macht der Gottseligkeit den Menschen im Fleische nicht kund getan.

Denn ohne dieses kann kein Mensch das Angesicht Gottes, selbst des Vaters, sehen und leben.

1841 erklärte der Mormonenapostel Parley P. Pratt: „Die Wahrheit ist folgendes: dass ohne dem Priestertum Melchisedeks ‚kein Mensch Gott sehen und leben kann’.(Writings of Parley P. Pratt, Seite 306)

Es wird heute behauptet, dass Joseph Smith den Vater und den Sohn 1820 sah, bevor man erwartete, dass er das Melchisedekische Priestertum empfangen hatte. Joseph Fielding Smith sagte: „Der Vater und der Sohn erschienen dem Propheten Joseph Smith, bevor die Kirche gegründet und das Priestertum auf Erden wieder hergestellt wurde.(Doctrines of Salvation, Bd. 1, Seite 4)

Die Offenbarung, die 1832 gegeben wurde, scheint zu zeigen, dass Joseph Smiths Geschichte von der Ersten Vision Jahre, nachdem sie sich angeblich zugetragen hatte, erfunden wurde. Joseph Smith behauptete nicht einmal, 1820 das Priestertum gehabt zu haben, und die Lehre und Bündnisse erklärt deutlich, dass ohne Priestertum ein Mann Gott nicht sehen und dennoch am Leben bleiben kann. Also hätte Joseph Smith gemäß Lehre und Bündnisse den Vater und den Sohn 1820 nicht gesehen haben können.

James B. Allen, der 1972 Assistierender Kirchengeschichtsschreiber wurde, gab offen zu, dass die Geschichte der ersten Vision „in den 1830ern nicht allgemein im Umlauf war“:

Gemäß Joseph Smith erzählte er die Geschichte von der Vision sofort, nachdem sie sich zu Beginn des Frühjahrs 1820 zutrug. Als folge, so sagte er, erhielt er in der Gesellschaft sofort Kritik. Es gibt aber wenig Beweise, wenn überhaupt, dass Joseph Smith in den frühen 1830ern die Geschichte öffentlich erzählte. Zumindest wenn er sie erzählt hätte, schien sie niemand für wichtig genug zu halten, um sie zu der Zeit aufzuzeichnen, und niemand kritisierte ihn dafür…

Die Tatsache, dass keine der verfügbaren zeitgenössischen Schriftstücke über Joseph Smith in den 1830ern, keine der Veröffentlichungen der Kirche in jenem Jahrzehnt und kein zeitgenössisches Tagebuch oder Briefverkehr, die man bisher entdeckt hat, die Geschichte der ersten Vision erwähnt, ist überzeugender Beweis, dass sie bestenfalls in jenen Tagen begrenzt im Umlauf war… so weit es Nichtmormonen betrifft, so war wenig, wenn überhaupt etwas, darüber in den 1830ern bekannt…

So weit es Mormonenliteratur betrifft, so gab es offensichtlich keinen Hinweis auf Joseph Smiths erste Vision in irgendeinem veröffentlichtem Material in den 1830ern… Aus all diesem scheint es so, dass die allgemeine Mitgliedschaft der Kirche vor den 1840ern keine Information über die erste Vision erhielt und dass die Geschichte mit Sicherheit nicht die hervorragende Stellung in den mormonischen Gedanken einnahm, wie es heute der Fall ist…

So weit es die Missionsarbeit betrifft, ist es erwiesen, dass auch hier die Geschichte von der ersten Vision in den 1830ern wenig, wenn überhaupt eine Bedeutung hatte… es wurde nicht für notwendig erachtet, dass die voraussichtlichen Bekehrten zum Mormonismus die Geschichte kannten…

Zusammengefasst, aus dem, was bis hier hin gesagt worden ist, ist es offensichtlich, dass die Geschichte der ersten Vision Joseph Smiths in den 1830ern nicht allgemein im Umlauf war. Weder mormonische noch nichtmormonische Publikationen nahmen auf sie Bezug und es ist erwiesen, dass die allgemeine Mitgliedschaft der Kirche wenig, wenn nicht gar nichts, über sie wusste. Der Glaube an diese Geschichte war sicher keine Voraussetzung für eine Bekehrung und es ist offensichtlich, dass die Geschichte nicht dazu benutzt wurde, um andere Punkte der Lehre zu veranschaulichen. Zumindest in dieser Hinsicht war das mormonische Denken der 1830er anders als das mormonische Denken der späteren Jahre.(Dialogue: A Journal of Mormon Thought, Herbst 1966, S. 33-34).

Dr. Nibley behauptete, dass Joseph Smith seinem Urgroßvater die Geschichte der Ersten Vision erzählte. Unsere Neugier war geweckt und wir schrieben an Joseph Fielding Smith, der damals Kirchengeschichtsschreiber war. Wie wir auf Seite 11 dieses Buches aufzeigten, weigerte er sich, uns eine Kopie dieses Tagebuchs zu geben, und Dr. Nibley gab zu, dass ihm ebenfalls der Zugriff „verweigert“ wurde (siehe die Ablichtung seines Briefes auf Seite 12).

Es wurde in Bezug auf das Tagebuch, das von Alexander Neibaur (Nibleys Urgroßvater) geführt wurde, eine Menge Druck auf das Kirchengeschichtsschreiberbüro ausgeübt und schließlich war Paul Cheesman von der Brigham-Young-Universität in der Lage, einen Teil daraus in seiner These zu zitieren. Wir druckten sofort diesen Auszug in unserem Buch Joseph Smith's Strange Account of the First Vision. Im April 1970 wurde James B. Allen erlaubt, einen größeren Teil des Tagebuchs in einem Artikel zu zitieren, der in der Improvement Era veröffentlicht wurde. Dieser Auszug lautet wie folgt:

Brd. Joseph erzählte uns beim ersten Besuch, dass er eine Wiedererweckungsbewegungs-versammlung mitmachte, seine Mutter, Brd. und Schwester erhielten Religion. Er wollte auch Religion bekommen, wollte sich wie der Rest fühlen & schreien, aber er konnte nichts spüren, öffnete seine Bibel & die erste Passage, die ihm entgegenschlug, war, falls irgendjemand Weisheit mangelt, soll er Gott fragen, der allen Menschen freizügig gibt & nicht zurückhält, ging in den Wald, um zu beten, kniete sich nieder, seine Zunge war versiegelt und klebte am Gaumen, konnte kein Wort herausbringen, fühlte sich nach einer Weile erleichterter – sah ein Feuer am Himmel, das näher & näher kam, sah eine Person im Feuerlicht, Aussehen, blaue Augen, ein Stück weißes Tuch über seine Schultern gezogen, sein rechter Arm nackt, nach einer Weile kam eine weitere Person an die Seite der ersten. Mr. Smith fragte dann: Muss ich mich der Methodistenkirche anschließen? – Nein – sie sind nicht mein Volk, sie sind irre gegangen, es gibt keinen, der Gutes tut, nicht einer, aber dies ist mein geliebter Sohn, höre ihn, das Feuer kam näher, ruhte auf den dreien, hüllte ihn ein, bemühte sich aufzustehen und fühlte sich ungewöhnlich schwach – kam ins Haus, erzählte es dem Methodistenpriester & sagte, dies wäre für Gott kein Zeitalter, um sich in Visionen zu offenbaren, Offenbarungen haben mit dem Neuen Testament aufgehört.(Improvement Era, April 1970, S. 12, Fußnote 12)

Paul Cheesman erklärt, dass der Eintrag nicht vor dem 24. Mai 1844 niedergeschrieben wurde, und James B. Allen bemerkte, dass „Neibaur nicht vor der Nauvoo-Periode in den 1840ern mit Joseph Smith zusammenkam und dass das Erlebnis, auf das Bezug genommen wird, ein gutes Stück nach den anderen Berichten über die Vision, einschließlich Joseph Smiths, geschrieben und veröffentlicht worden war. (Dialogue: A Journal of Mormon Thought, Herbst 1966, Seite 34-35)

Neben dem, dass die Times and Seasons-Version vom Datum her später einzuordnen ist, widerspricht das Tagebuch Alexander Neibaurs der offiziellen Version in mindestens zwei Punkten. Es sagt, dass eine Person erschien und „nach einer Weile kam eine weitere Person an die Seite der ersten“, während Joseph Smiths gedruckter Bericht sagt: „Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Personen.

Beachten Sie auch, dass Neibaur den Vater die Botschaft geben und dann den Sohn vorstellen ließ. Dies ist sehr interessant, da Joseph Fielding Smith, der später Präsident der Kirche wurde, erklärt hat, dass diese Vorgehensweise die Geschichte als Schwindel bewiesen hätte: „Der Vater und der Sohn erschienen ihm, aber es war nicht der Vater, der seine Frage beantwortete! Der Vater stellte Joseph seinen Sohn vor und es war der Sohn, der die wichtige Frage beantwortete und die Anweisung gab.

Wäre Joseph Smith aus dem Wäldchen gekommen und hätte verkündet, dass der Vater und der Sohn ihm erschienen und dass der Vater zu ihm sprach und seine Frage beantwortete, während der Sohn still dabei stand, dann hätten wir die Geschichte als Schwindel akzeptieren können.(Doctrines of Salvation, Bd. 1, Seite 28)

Die Tatsache, dass Alexander Neibaur, die Geschichte anders herum liefert – dass der Vater anstatt der Sohn die Botschaft überbringt – mag einer der Gründe gewesen sein, warum Joseph Fielding Smith das Tagebuch unterdrückte. Der Apostel LeGrand Richards behauptete, dass sein Großvater, Joseph Lee Robinson, in Bezug auf die Erste Vision schrieb, bevor Joseph Smith seinen Bericht in den Times and Seasons veröffentlichte. In einem Brief an William E. Berrett vom 29. August 1960 erklärte Richards: “…- das Tagebuch meines Urgroßvaters… zeigte auf, dass der Prophet Joseph den Vater und den Sohn gesehen hatte, und dies wurde damals 1840 niedergeschrieben.

LeGrand Richards gab der Genealogischen Bibliothek die Anweisung, uns nicht zu gestatten, dieses Tagebuch zu sehen, aber einige Zeit später wurde uns erlaubt, es zu lesen. Wir fanden heraus, dass es nicht vor 1883 geschrieben wurde, was etwa 39 Jahre nach Joseph Smiths Tod ist und 63 Jahre nachdem sich die Erste Vision angeblich zugetragen hat!


 

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Ein Kapitel aus dem berühmten Werk von Jerald und Sandra Tanner "Mormonism - Shadow or Reality?"
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